Psychologie der Hygiene – Reinhold Bergler

Auch in Zeiten verstärkter öffentlicher Wahrnehmung von Hygienezwischenfällen und –gefahren klafft eine große Lücke zwischen Hygienewissen und praktischer Umsetzung von Hygienestandards. Der Psychologe Reinhold Bergler untersucht die Gründe für die lange Zeit vernachlässigte Tatsache, dass Wissen nicht gleich Praxis ist, von alltäglichen, allgemein bekannten Gesundheitsrisiken wie Alkohol- und Tabakkonsum bis zur korrekten Händedesinfektion des Personals im Gesundheitswesen. Psychologische Barrieren, die die Umsetzung von Hygienewissen in adäquates Hygieneverhalten verhindern, können unter anderem Vorurteile bezüglich der Notwendigkeit oder Wirksamkeit bestimmter Hygienemaßnahmen sein, Unterschiede in der individuellen Hygienesensibilität oder eine falsch eingeschätzte Risikobilanz (etwa bei Kosten-Nutzen-Abwägungen von Impfrisiken vs. Risiken durch Krankheiten). Eine psychologische Barriere stellt außerdem die fehlende Motivationskraft in der Lebenswelt nicht mehr wahrnehmbarer Erkrankungen wie etwa Kinderlähmung dar. Psychologische Untersuchungen zeigen zudem die erschreckende Tatsache, dass in Deutschland nur etwa 45% der Bevölkerung einen präventiven Lebensstil pflegen. Die Untersuchung der Motivation zu hygienisch wirksamem Verhalten und einem präventiven Lebensstil zeigt die Erziehung seitens des Elternhauses (in Deutschland vor allem seitens der Mutter) als stark motivierenden Faktor. Hier liegt Deutschland im europäischen Vergleich, was Vermittlung und Kontrolle von Hygieneverhalten angeht, hinter Frankreich und Spanien. Die Vermehrung nosokomialer Infektionen und multiresistenter Erreger in Krankenhäusern hängt in nicht unerheblichem Ausmaß mit mangelhaft durchgeführter persönlicher Hygiene der Ärzteschaft und des Pflegepersonals zusammen. Um diesen Missstand abzustellen bedarf es zunächst einer genauen Analyse der Motivationslage und Hygieneeinschätzungen der beteiligten Personen, denn Hygieneerziehung und Infektionsprävention funktioniert nur dann zuverlässig, wenn sie auf die Lebens- und Berufswelt des Individuums zugeschnitten ist.

Hier ist vor allem ein Wandel in der Organisationsstruktur der Kliniken gefragt, in denen es teilweise noch immer keine genaue Aufgabenverteilung zur Etablierung von Hygienestandards und ihrer Überwachung gibt. Hygieneerziehung und Prävention sind zuvorderst Führungsaufgaben. Zu diesen Aufgaben gehört auch die Etablierung normativ verbindlicher Hygienerichtlinien, die vielerorts noch fehlen. Bei der Formulierung dieser Richtlinien muss immer beachtet werden, dass nur Wissen, dass mit positiven Gefühlen und Erfolg verbunden ist langfristig zu Verhaltensänderungen motiviert.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

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